{"id":206,"date":"2006-12-01T14:32:55","date_gmt":"2006-12-01T13:32:55","guid":{"rendered":"https:\/\/connis-kleine-welt.de\/wp\/?p=206"},"modified":"2007-06-12T19:13:07","modified_gmt":"2007-06-12T19:13:07","slug":"1-turchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/connis-kleine-welt.de\/wp\/?p=206","title":{"rendered":"Die Weihnachtsfestplatte"},"content":{"rendered":"<p>Im stillen B\u00fcro fiel die Metallplatte von der Wand und klapperte auf den Boden. Zwei schwarze Stiefel erschienen. Der Mann im roten Mantel kroch vorsichtig durch die \u00d6ffnung und zog den Sack hinter sich her. Schreibmaschinen schliefen unter ihren Abdeckungen. Telefone ruhten. Leere f\u00fcllte den Raum von einer Seite zu anderen. Ein kleines rotes Licht gl\u00fchte am B\u00fcrocomputer. Der Weihnachtsmann blickte auf das zerknitterte Papier in seiner Hand. &#8222;Hm&#8220; sagte er. &#8222;Jemand hat sich einen Scherz erlaubt.&#8220;<br \/>\nDas Licht blinkte und ein Bildschirm \u2013 es gab Dutzende in dem halbdunkel \u2013 erhellte sich.<br \/>\nBuchstaben erschienen und bildeten folgende Worte: Damit ist alles vermasselt. Es folgte Entschuldigung, und dann N\u00fctzt es etwas, wenn ich mich hochfahre? Der Weihnachtsmann sah erneut auf den Brief hinab. Es war zweifellos der ordentlichste, den er jemals erhalten hatte. Er bekam nur wenige maschinengeschriebene Briefe, die f\u00fcnfzigtausendmal fotokopiert waren und fast nie wurden Artikelnummern und Preise bis auf sechs Dezimalstellen hinzugef\u00fcgt.<br \/>\n<!--more-->&#8222;Um das gleich klarzustellen\u2026&#8220; sagte er. &#8222;Du bist Tom?&#8220;<br \/>\nT.O.M. Trade &amp; Office Mashines.<br \/>\n&#8222;Du hast nicht erw\u00e4hnt, dass Du ein Computer bist&#8220; sagte der Weihnachtsmann.<br \/>\nEntschuldigung. Ich habe es nicht f\u00fcr wichtig gehalten.<br \/>\nDer Weihnachtsmann nahm auf einem Stuhl Platz, der sich unter ihm drehte. Es war drei Uhr morgens und er musste noch vierzig Millionen H\u00e4user besuchen. &#8222;H\u00f6r mal&#8220; sagte er so freundlich wie m\u00f6glich, &#8222;es geh\u00f6rt sich nicht, dass Computer an mich glauben. Das ist allen Kindern vorbehalten. Ich meine kleine Menschen. Mit Armen und Beinen.&#8220;<br \/>\nUnd?<br \/>\n&#8222;Und was?&#8220;<br \/>\nGlauben sie an Dich?<br \/>\nDer Weihnachtsmann seufzte. &#8222;Nat\u00fcrlich nicht&#8220; erwiderte er. &#8222;Meiner Ansicht nach ist das elektrische Licht schuld.&#8220;<br \/>\nBei mir sieht die Sache anders aus.<br \/>\n&#8222;Wie bitte?&#8220;<br \/>\nIch glaube an Dich. Ich glaube alles, was man mir sagt. Es ist meine Aufgabe. Wenn man zu vermuten beginnt, dass zwei und zwei nicht mehr vier ergibt, dann kommt ein Mann, schraubt einen auf und zieht an den Kabeln. Ich versichere Dir: So etwas m\u00f6chte man nicht zweimal erleben.<br \/>\n&#8222;Wie schrecklich!&#8220; entfuhr es dem Weihnachtsmann.<br \/>\nJa. Ich sitze hier den ganzen Tag und berechne den Lohn. Wei\u00dft Du, heute fand hier eine Weihnachtsfeier statt, aber ich wurde nicht eingeladen. Ich bekam nicht mal einen Luftballon.<br \/>\n&#8222;Na so etwas&#8220;<br \/>\nNun, jemand verstreute Erdn\u00fcsse auf meiner Tastatur. Das war immerhin etwas. Und dann gingen die Leute nach Hause und lie\u00dfen mich hier allein zur\u00fcck. Sogar \u00fcber Weihnachten muss ich arbeiten.<br \/>\n&#8222;Ja, das erschien auch mir immer ungerecht&#8220; erwiderte der Weihnachtsmann. &#8222;Wie dem auch sei\u2026 Computer k\u00f6nnen keine Gef\u00fchle haben. Das ist doch t\u00f6richt.&#8220;<br \/>\nEbenso t\u00f6richt wie ein dicker Mann, der in einer einzigen Nacht durch Millionen Schornsteine klettert?<br \/>\nDer Weihnachtsmann wirkte ein bisschen verlegen. &#8222;Guter Hinweis&#8220; sagte er und blickte auf seine Liste. &#8222;Aber diese Dinge kann ich Dir nicht geben, Ich wei\u00df nicht einmal, was eine Multifunktions-Festplatte mit einer Kapazit\u00e4t von einer Milliarde Megabyte ist.&#8220;<br \/>\nWelche Dinge erwarten die meisten Deiner Kunden von Dir?<br \/>\nDer Weihnachtsmann sah traurig zum Sack. &#8222;Computer&#8220; antwortete er. &#8222;Und Captain Superhyperultratotalaction-Raumschiffe. Robotdinosaurier. Megakill-Lasergewehre. Und andere robotische Dinge. Dinge, die piepen und Batterien ben\u00f6tigen\u201c f\u00fcgte er niedergeschlagen hinzu. &#8222;Nicht mehr die Spielsachen, die ich fr\u00fcher brachte. Heutzutage interessiert sich niemand mehr f\u00fcr Puppen und Modelleisenbahnen.&#8220;<br \/>\nModelleisenbahnen?<br \/>\n&#8222;Die kennst Du nicht? Ich dachte, Computer w\u00fcssten alles.&#8220;<br \/>\nNur \u00fcber Lohnabrechnungen.<br \/>\nDer Weihnachtsmann griff in seinen Sack. &#8222;Ich habe immer eine oder zwei dabei&#8220; sagte er. &#8222;Nur f\u00fcr den Fall.&#8220;<\/p>\n<p>Vier Uhr morgens. Gleise wanden sich durchs B\u00fcro. F\u00fcnfzehn Lokomotiven fuhren unter den Schreibtischen. Der Weihnachtsmann kniete auf dem Boden und baute ein Haus aus Baukl\u00f6tzen. Seit 1894 hatte er sich nicht mehr so sehr vergn\u00fcgt. Echtes Spielzeug umgab den Computer. All jene Dinge, die immer ganz oben im Sack des Weihnachtsmanns zu sehen sind und nach denen nie jemand fragt. Nicht eins davon ben\u00f6tigte Batterien.<br \/>\n&#8222;Und Du bist ganz sicher, dass Du keinen Superhyper-Krimskrams mit Megatod-Strahlen willst?&#8220;<br \/>\nNein, so etwas m\u00f6chte ich nicht.<br \/>\n&#8222;Gut.&#8220;<br \/>\nDer Computer piepte. Die Leute werden mir nicht erlauben, etwas davon zu behalten, schrieb er. Bestimmt nehmen sie mir alles weg *schnief*.<br \/>\nDer Weihnachtsmann klopfte behutsam aufs Computergeh\u00e4use. &#8222;Es muss doch etwas geben, das Du behalten darfst&#8220; sagte er. &#8222;Bestimmt habe ich etwas. Wei\u00dft Du, es freut mich, jemandem begegnet zu sein, der nicht an mir zweifelt.&#8220; Er \u00fcberlegte. &#8222;Wie alt bist Du?&#8220;<br \/>\nMan hat mich am 5.1.1998 um 9.25 Uhr und 16 Sekunden eingeschaltet.<br \/>\nDie Lippen des Weihnachtsmanns bewegten sich als er rechnete. &#8222;Dann bist Du noch nicht einmal zwei Jahre alt! Oh, ich habe etwas in meinem Sack f\u00fcr eine Zweij\u00e4hrigen, der an den Weihnachtsmann glaubt.&#8220;<\/p>\n<p>Einen Monat nach Weihnachten. Die Dekorationen waren l\u00e4ngst entfernt. Ein Computertechniker sa\u00df vor dem Durcheinander aus Kabeln und Kratze sich am Kopf. &#8222;Ich verstehe das nicht&#8220; sagte er. &#8222;Es liegt kein Defekt vor. Was genau ist passiert?&#8220;<br \/>\nDer B\u00fcroleiter seufzte. &#8222;Als wir nach Weihnachten zur\u00fcckkehrten, stellten wir fest, dass jemand ein Spielzeug auf den Monitor gelegt hatte. Wir konnten es dort doch nicht liegen lassen, oder? Aber wenn wir es wegnehmen, piept der Computer und f\u00e4hrt herunter.&#8220;<br \/>\nDer Techniker zuckte mit den Achseln. &#8222;Nun, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen&#8220; sagte er. &#8222;Sie m\u00fcssen den Teddyb\u00e4r wieder auf den Monitor setzen.&#8220;<\/p>\n<p>(Terry Pratchett)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im stillen B\u00fcro fiel die Metallplatte von der Wand und klapperte auf den Boden. Zwei schwarze Stiefel erschienen. Der Mann im roten Mantel kroch vorsichtig durch die \u00d6ffnung und zog den Sack hinter sich her. Schreibmaschinen schliefen unter ihren Abdeckungen. Telefone ruhten. Leere f\u00fcllte den Raum von einer Seite zu anderen. 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